Die Stimme des Friedens nicht verlieren.

In der Reihe Tageblatt futur(s)
https://www.tageblatt.lu/futurs/index.html

Die Friedensbewegung hat die jüngere Generation verloren. Dabei ist ihre Vision wichtiger denn je. Doch um sich Gehör zu verschaffen, muss die Bewegung mit der Zeit gehen und die Perspektiven der Jugend mit denen der Älteren in Einklang bringen. Ein Essay von Raymond Becker.

Der Krieg in der Ukraine tritt 2026 in sein viertes Jahr. Zählt man die Zeit seit der völkerrechtswidrigen Annexion der Krim und der militärischen Eskalation im Donbass hinzu, sind es beinahe zwölf Jahre, in denen Gewalt und Unterdrückung in unmittelbarer Nachbarschaft der Europäischen Union die Realität der Menschen bestimmt. Der Westen reagierte nach Kriegsausbruch rasch mit militärischen Mitteln. Das war nachvollziehbar – es ging um Nothilfe im Sinne der UN-Charta. Ohne diese Hilfe hätte Russland die Ukraine als Staat ausgelöscht. Diese Tatsache muss auch die Friedensbewegung anerkennen.

Doch wir sollten wissen: Militär schafft keinen Frieden. Der Westen jedoch zeigt wenig Fähigkeit und Mut, ein tragfähiges politisches Modell zu entwickeln, das militärische und diplomatische Ansätze sinnvoll verbindet und Perspektiven für die Zeit nach dem Krieg eröffnet. Die gegenwärtige Weltlage vermittelt mitunter den niederschmetternden Eindruck eines ewigen Kriegszustands: Immer neue Brandherde grausamer Gewalt brechen auf. In der Ukraine, in Gaza und im Westjordanland, im Sudan, in Haiti, Myanmar, in der Sahelzone und anderswo. Eine erschreckende Aufrüstungsspirale setzt ein, die nukleare Bedrohung ist keineswegs gebannt, massive geopolitische Spannungen beherrschen die Schlagzeilen. Hinzu kommt ein kriegerisch aufgeladenes Klima in vielen Regionen, das vernünftige Gespräche über Krieg und Frieden nahezu unmöglich macht. Manichäische Polarisierung ersetzt Debatten. Diplomatische Wege geraten in den Hintergrund.

Diese Dynamik entsteht auch, weil viele Staaten das Völkerrecht missachten und sich aus multilateralen Strukturen zurückziehen. Nationalistische Kräfte gewinnen an Einfluss. Demokratieverachtung, Rassismus, Spaltung und Hass prägen politische Räume. Minderheiten geraten ins Visier von Populisten. Antifaschist*innen werden zu Terroristen erklärt. Frauenrechte und Rechte marginalisierter Gruppen erodieren in beispielloser Weise weltweit.

Zugleich beschleicht mich zunehmend das Gefühl, dass sich der politische Diskurs vorrangig mit den Fragen der Vergangenheit beschäftigt. Entscheidende Zukunftsthemen wie die Klimakatastrophe, soziale Gerechtigkeit, Pandemien, Artensterben, globale wirtschaftliche Umbrüche, digitale Transformationen und tektonische geopolitische Verschiebungen tauchen kaum auf der politischen Prioritätenliste auf. Liberale Gesellschaften taugen nicht mehr als Garant für den globalen Fortschritt.

Gerade in dieser Situation fristet die traditionelle Friedensbewegung ein Nischendasein. Ihre Treffen bestehen aus kleinen, eingeweihten Zirkeln unermüdlicher Aktivistinnen, religiöser und orthodoxer Pazifistinnen, verstreuter Gewerkschafter*innen und linker Engagierten. Ihre Aufrufe und Demonstrationen verfangen nicht. Die Unterstützung kommt vor allem von jenen Generationen, die in den bewegten 60er-, 70er- und 80er-Jahren politisch sozialisiert wurden.

Ich wurde geprägt durch den Vietnamkrieg, die Diktatur in Chile und den NATO-Doppelbeschluss zur atomaren Aufrüstung in Europa. Mein Engagement in der Anfangszeit der „Aktioun fir de Fridden“ war eine logische Folge.

Zwei Berichte aus den 1980er-Jahren prägten dieses Engagement maßgeblich: Der Palme-Report „Our Common Security“, ein grundlegendes Dokument, das inmitten des Kalten Krieges das Konzept gemeinsamer Sicherheit einführte. Die zentrale These: Kein Staat kann seine Sicherheit ausschließlich durch militärische Stärke oder nukleare Abschreckung garantieren. Und der Brundtland-Bericht „Our Common Future“, das Gründungsdokument des Konzepts der nachhaltigen Entwicklung: definiert als eine Entwicklung, die den Bedürfnissen der Gegenwart entspricht, ohne die Möglichkeiten künftiger Generationen zu gefährden. Die Gründung der Internationalen Klimaallianz, der UN-Weltgipfel von Rio 1992 und das Engagement im „Öko-Institut Freiburg“ erweiterten die Perspektive, nachhaltige Entwicklung auch auf kommunaler Ebene umzusetzen – ein Engagement, das sich bis heute in der Friedensbewegung fortsetzt, gespeist aus den Reflexionen der 80er- und 90er-Jahre.

Ist die alte Friedensbewegung überholt? Bedeutet der Krieg gegen die Ukraine eine historische Zäsur, die unsere Konzepte und Argumente obsolet macht? Ganz so einfach ist es nicht. Die theoretische Arbeit innerhalb der Friedensbewegung war nie leicht und ist es bis heute nicht – zu vielfältig und unterschiedlich sind ihre Strömungen. Dennoch fällt eine Überlegung besonders ins Gewicht.

Schon in den 1990er-Jahren wiesen Analysen darauf hin, dass das Ende der Sowjetunion neue Konflikte auslösen könnte, wenn kein neues internationales Sicherheitssystem entsteht. Die Bedeutung einer europäischen Partnerschaft mit Moskau wurde betont. Gleichzeitig entstand die Illusion, ein gutes Verhältnis zu Russland sei zwangsläufig. Durch diese Illusion verlor die Friedensbewegung an politischer Mobilisierungskraft.

Heute, da sie ihren gesellschaftlichen Rückhalt weitgehend eingebüßt hat, steht die Friedensbewegung vor zwei Herausforderungen: Erstens wurden die Erfahrungen und das Wissen der alten Bewegung nicht an die nächste Generation weitergegeben. Früher trugen Kinder von Kriegserfahrenen die Bewegung. Heute wirkt sie für junge Menschen fern. Diese Generation wuchs in einem Umfeld auf, das Angst, Konkurrenz und Abschottung betonte. Daher betrachtet sie Sicherheit vor dem Primat individueller, militärischer Stärke. Andererseits hat die Friedensbewegung die politisch engagierten jungen Menschen selbst vernachlässigt, die sich inzwischen auf andere Themen konzentrieren: Klimakrise, Frauenrechte, Minderheitenrechte. Eine gewisse Entfremdung zwischen den Generationen hat sich verfestigt. Es ist höchste Zeit, sie zu überwinden.

Dabei geht es nicht darum, alte Konzepte schlicht in die Gegenwart zu übertragen oder vergangene Überzeugungen unreflektiert an veränderte Verhältnisse anzupassen. Vielmehr braucht es ein entwicklungsfähiges Friedensverständnis. Eines, das Lehren aus den Erfahrungen zweier Generationen zieht: der Elterngeneration, die aus einer unsicheren Vergangenheit in eine hoffnungsvolle Zukunft blickte, und ihrer Kinder, die aus einer hoffnungsvollen Gegenwart in eine tief verunsichernde Zukunft schauen. Angesichts der eskalierenden Gewalt weltweit, der unaufhörlichen Kriege und der sich zuspitzenden Klimakrise haben viele beinahe die Hoffnung auf eine friedliche Welt verloren. Die zerstörerischen Kräfte und die Rückkehr zu einer gewaltbereiten Blocklogik wirken übermächtig: „Das Bewusstsein der politischen Eliten des Westens wird immer stärker von der Logik des Krieges okkupiert.“ (Jürgen Habermas)

Wie lässt sich neue Hoffnung für eine friedlichere Welt schaffen?

Welche Strategien und Handlungen sind nötig, um die Stimme des Friedens in der Zivilgesellschaft nicht zu verlieren?

Der Friedensbewegung darf nicht die Luft ausgehen. Sie muss sich aktiv einbringen in die Debatten rund um die hysterische Aufrüstung und die 5-Prozent-Quote bei den Militärausgaben. Sie muss hinterfragen, warum Milliarden für Waffen bereitgestellt werden – ohne fundierte Analyse des tatsächlichen Bedarfs.

Konsequenter Einsatz für nukleare Abrüstung. Sie muss konsequent für nukleare Abrüstung eintreten. Neue Programme, aggressive Rhetorik und Stationierungen erhöhen die Gefahr eines nuklearen Konflikts in Europa.

Der Ukrainekrieg braucht eine politische Perspektive. Wie soll der Frieden aussehen? Gibt es eine Zukunft, in der ukrainische Souveränität und russische Interessen vereinbar sind? Statt konkreter Lösungen dominiert ein Mangel an Perspektiven, flankiert von hohlen Phrasen, die den Krieg nur verlängern. Die Verhandlungen müssen eine neue europäische Sicherheitsarchitektur schaffen. Das ist die zentrale Herausforderung für die jüngsten diplomatischen Initiativen und Friedensvorschläge.

Die Europäische Union muss dringend ihre geopolitische Friedensrolle wiederfinden. Auf der Basis ihrer Grundwerte: Menschenwürde, Freiheit, Demokratie, Gleichheit, Rechtsstaatlichkeit und Achtung der Menschenrechte.

Sicherheit muss neu gedacht werden. Das Primat des Militärischen in der Außen- und Sicherheitspolitik ist nicht haltbar. Eine rein militärische Sichtweise führt in unserer Gesellschaft zu keinen Lösungen. Es braucht eine zivilere Sicherheitspolitik: konsequente Klimapolitik, gerechte Sozialpolitik, feministische Außenpolitik, Einsatz für Meinungsfreiheit, Menschen- und Bürgerrechte, gerechtere und solidarischere Kooperation, eine faire Wirtschaftsweise und Lebensgestaltung – all das sind Schlüsselelemente des Friedens.

Brückenbauer*innen sind in der Politik unentbehrlich – und sie spielen auch im Alltag eine zentrale Rolle. Jede und jeder kann konkret dazu beitragen. Für mich haben zwei Ansätze Priorität:

Einsatz für die Demokratie. Unser demokratisches System steht unter Druck. Es gilt, sich wirklich einzusetzen, aktiv zu werden, bereit zu sein, für die Demokratie zu kämpfen. Sie schafft den Rahmen für Meinungsfreiheit, Rechtsstaatlichkeit und Bürgerbeteiligung – und begrenzt damit die Willkür der Mächtigen. Zivilgesellschaftliches Engagement ist ein erster Schritt: sei es in Nord-Süd-Initiativen, im Umwelt- und Naturschutz oder in Friedensgruppen. Vereine sind Räume gelebter Demokratie: Hier gewinnen Menschen Gestaltungsmacht zurück, indem sie gemeinsam ein Projekt tragen.

Persönliches, gemeinschaftliches und lokales Engagement. Lokale Initiativen, die den Dialog zwischen unterschiedlichen Gemeinschaften fördern, zeigen: Frieden ist möglich. Luxemburgische Gemeinden spielen im Rahmen des „Pakt des Zusammenlebens“ eine zentrale Rolle bei der Umsetzung der nationalen Integrationspolitik. Sie setzen sich partizipativ für Integration, sozialen Zusammenhalt und Antidiskriminierung ein.

Werden Sie selbst aktiv: Finden Sie konstruktive Lösungen bei Konflikten im eigenen Umfeld – Familie, Schule, Nachbarschaft. Informieren Sie sich und andere über Friedensarbeit und Konfliktthemen. Nehmen Sie an Aktionen teil, unterstützen Sie lokale Friedensinitiativen und Organisationen.

Sprechen Sie Ihre Bürgermeisterin oder Ihren Bürgermeister an: Machen Sie Ihre Gemeinde zur Friedensgemeinde. Kommunen können sich weltweit vernetzen – etwa durch Städtepartnerschaften mit Konfliktregionen. Der Rat der Gemeinden und Regionen Europas (RGRE) hat dazu einen „Kommunalen Aufruf für den Frieden“ veröffentlicht. Städte können sich gegen Aufrüstung aussprechen und lokale Friedensinitiativen fördern. Manche haben sich auch dem Aufruf zur Abschaffung der Atomwaffen angeschlossen.

Ermutigen Sie Ihre Gemeinde, Teil der Initiative „Mayors for Peace“ zu werden. In Luxemburg sind 65 von 100 Gemeinden Mitglied dieses internationalen Netzwerks mit Sitz in Hiroshima. Die Initiative bietet zahlreiche praktische Leitfäden für konkrete Friedensaktionen. Zuletzt hat sich die Gemeinde Lorentzweiler angeschlossen.

Jede Anstrengung, eine friedlichere Welt zu errichten, verdient unsere Aufmerksamkeit und Unterstützung. Frieden ist eine Entscheidung – ein Engagement, das jede und jeder auf eigene Weise eingehen kann. Für eine bessere Zukunft.