„Wir dürfen niemals aufgeben!“

„Stëmme fir de Fridden“
25.9.2025
Cercle Vivi Hommel
Statement Raymond Becker

Alles andere als einfach dieser Tage über Frieden zu reden.

Beim Verfassen dieser Stellungnahme habe ich oft an Vivi und Michel gedacht. Was würden sie heute wohl denken in einer Welt die seit einigen Monaten immer verrückter zu werden scheint. Wo anscheinend nur das Recht des Stärkeren zählt und das Miteinander als Gesellschaft verkümmert, wo Hass und Hetze auf der Tagesordnung stehen, wo Fantasiegeschichten und Fake-News den wissenschaftlichen Diskurs verdrängen.

Hannah Arendt formulierte in ihrer unnachahmlichen Weise „Der Tod der menschlichen Empathie ist eines der frühesten und deutlichsten Zeichen dafür, dass eine Kultur gerade in Barbarei zerfällt.“ Besser und treffender kann man die vorherrschende Situation in unserer Gesellschaft nicht beschreiben.

Vivi habe ich kennen und schätzen gelernt in den Zeiten der Friedensbewegung in den 80ger Jahren, in der Zeit des NATO-Doppelbeschlusses würde man heutzutage sagen. Es ging vorrangig um die reale Gefahr eines Atomkrieges in den Zeiten des „kalten Krieges“. Vivi war immer als überzeugte Pazifistin äußerst klar in ihren Positionen. Resolut gegen die damalige nach oben gerichtete Rüstungsspirale. Sie war, erlaubt mir den Ausdruck, eine Kämpferin für eine friedliche und gerechtere Welt. Sie setzte immer auf Respekt vor Andersdenkenden, auf Dialog, auf das Finden von guten Lösungen für alle. Durch unsere gemeinsame Zeit in der „Aktioun fir de Fridden“ habe ich größten Respekt vor „unserer Vivi“ gewonnen.

Michel, als Lehrer in Bettemburg mit all seinen Engagements und ich als gebürtiger Bettemburger mit meinen Sichtweisen kannten uns etwas länger. Erste inhaltliche Kontakte entstanden in den Zeiten des damaligen unvergesslichen Robert Krieps, Minister Mitte der 70ger Jahre. Die damaligen Geschehnisse in Chile, die brutale Diktatur nach Salvator Allende, Krieg und Frieden, eine solidarische Entwicklungszusammenarbeit waren ebenfalls Themen mit gleicher Wellenlänge. Mit Michel verband mich eine über Jahrzehnte dauernde Freundschaft und Zusammenarbeit. Diese nahm richtig Fahrt auf in unserer gemeinsamen Roeserbänner-Zeit. Michel als engagierter Bürger der Gemeinde, ich im Schöffenrat von 1982 bis 1997. Wir haben uns seither nie aus den Augen verloren und so manches friedenspolitische Projekt angestoßen. Er fehlt mir „unser Michel“, er fehlt mir als guter Freund und inspirierender Diskussionspartner.

Ukraine, Gaza, Naher Osten, Sudan, horrende Aufrüstung oder massive geopolitische Spannungen beherrschen das Bild. Hinzu kommt eine kriegstreiberische Stimmung vielerorts, welche eine vernünftige Diskussion über den Krieg massiv erschwert, die Debattenkultur durch reine schwarz-weiße Sicht zerstört und den Blick auf mögliche friedliche Lösungen verstellt.

Verstärkt wird diese rasant steigende kriegerische Spirale dadurch, dass das Völkerrecht mit Füssen getreten wird, der politische Rückzug vieler Länder vom Multilateralismus hin zum kruden Nationalismus stattfindet, das fulminante Erstarken rechtsextremer, rassistischer Tendenzen und Parteien zunimmt, das offene Ablehnen und Brechen, ja die Verachtung der Demokratie, die Diskriminierung in unserer Gesellschaft, Hass, Hetze und Spaltung quasi auf der Tagesordnung stehen, dass Minderheiten zu Zielscheiben erklärt werden, Antifaschisten hemmungslos in die Nähe von Terroristen gestellt werden, Frauenrechte massiv missachtet und weltweit gefährdet sind.

Die politische Welt spielt verrückt. Ich habe immer mehr den Eindruck, dass prioritär Themen aus der Vergangenheit im aktuellen politischen Diskurs stehen, die Themen der Zukunft wie Klimakatastrophe oder soziale Gerechtigkeit interessieren lösungsorientiert nicht unbedingt und sind selten auf der obersten politischen Agenda zu finden.

Ich bin zivilgesellschaftlich aktiv geworden zu jener Zeit als Willy Brandt 1969 postulierte „Mehr Demokratie wagen“. Seine Worte haben nichts von ihrer grundlegenden Bedeutung eingebüßt. Ich habe mir nie vorstellen können, dass 56 Jahre später, dringend notwendige und klare Zeichen zur Verteidigung unserer Demokratie in einer offenen und solidarischen Gesellschaft gesetzt werden müssen.

Wahrlich, alles andere als einfach dieser Tage über Frieden zu reden. Zumal man fast immer schnell mit einem ironischen und spöttischen Unterton in eine bestimmte Ecke gedrückt wird.

Gerade während der laufenden 80. Generalversammlung der Vereinten Nationen bleibt es interessant an Immanuel Kants Schrift „Zum ewigen Frieden“, einem philosophischen Entwurf, welcher vor 230 Jahren veröffentlicht wurde, zu erinnern. Die Schrift beschäftigt sich mit den Bedingungen für einen dauerhaften Frieden zwischen Staaten. Kant formuliert darin sowohl moralische als auch politische Prinzipien, die eine friedliche Weltordnung ermöglichen sollen. Viele seiner Überlegungen sind in der Aktualität Schlüsselfragen der Politik in den Staaten und zwischen den Staaten geblieben. Kant schlägt 1795 einen „Völkerbund“ vor, eine föderale Gemeinschaft freier republikanischer Staaten. Dieser Plan wurde umgesetzt, als nach dem Ersten Weltkrieg der Völkerbund entstand, der Vorläufer der Vereinten Nationen und nach dem Zweiten Weltkrieg die UN-Charta in Kraft trat.

Vom Völkerbund zu den Vereinten Nationen, wo Menschenrechte, Weltfrieden und Sicherheit für alle als Ziele verfolgt werden. Bei allen Kritikpunkten an der UNO, wenn wir dieses Gremium nicht hätten, müssten wir es erfinden. Vor genau einem Jahr hat die Generalversammlung in New York den sogenannten Zukunftspakt zur Reform der internationalen Ordnung angenommen. Er soll die UN handlungsfähiger machen. UN-Generalsekretär Guterres sagte, der Pakt öffne Wege zu neuen Möglichkeiten und Chancen für Frieden und Sicherheit. Seine Forderung, die Staatengemeinschaft angesichts vieler Krisen und Kriege in der Welt handlungsfähiger und die Welt als Ganzes gerechter zu machen, war Ausgangspunkt für die geplante Reform. Wir dürfen als Staatengemeinschaft bei diesen Reformdiskussionen nicht versagen. Diese werden wahrlich nicht einfach zu führen sein. Ein Vorgeschmack lieferte der beschämende, wirre und voller Lügen gespickter Auftritt des erratischen amerikanischen Präsidenten vor wenigen Stunden vor der Weltvölkergemeinschaft. Die Botschaft des Autokraten war ein Frontalangriff gegen den Multilateralismus gegen die Völkergemeinschaft.

Als friedensbewegte Bürger*Innen müssen wir uns bewusster werden, dass die Vereinten Nationen heute wichtiger denn je sind. Ja, sie müssen reformiert werden, aber Multilateralismus, das Miteinander reden, Diplomatie sind die Schlüssel für die Lösung der weltweiten Probleme.

Zur Eröffnung appellierte der UN-Generalsekretär Guterres mit einer eindringlichen und klaren Botschaft: Die Welt wird von sich überschneidenden Krisen bedrängt – von Kriegen, humanitären Notlagen, disruptiven Technologien bis hin zum Klimawandel. Die Staats- und Regierungschefs müssten jetzt entscheiden, welche Art von Welt wir gemeinsam aufbauen wollen. Leidenschaftlich plädierte er: „In einer Welt mit vielen Möglichkeiten gibt es eine Entscheidung, die wir niemals treffen dürfen: die Entscheidung, aufzugeben. Wir dürfen niemals aufgeben“.

Genau dies, das niemals aufgeben, der Wille für eine solidarische, gerechte, empathische und friedliche Welt einzustehen, muss als Cercle Vivi Hommel unser Versprechen an Vivi und Michel sein.